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Bosch Energy and Building Solutions Deutschland
Gebäudeautomation: Interview Marcus Nadenau & Volker Westerheide

„Gebäude mit hohem digitalen Technisierungsgrad werden zukünftig deutliche Vorteile haben“

Marcus Nadenau und Volker Westerheide von Bosch nebeneinander stehend

Dr. Marcus Nadenau verantwortet das europäische Systemintegratoren-Geschäft von Bosch Building Technologies, Volker Westerheide ist Geschäftsführer der Bosch Building Automation GmbH. Im Interview erläutern beide, wie Gebäudeeigentümer, Betreiber und Nutzer durch die intelligente Nutzung von Daten profitieren und welche Rolle die Gebäudeautomation dabei spielt.

Herr Dr. Nadenau, Sie leiten seit 2019 das europäische Systemintegrator-Geschäft bei Bosch und haben eine genaue Vorstellung, wie das Gebäude der Zukunft aussieht. Können Sie uns einen Einblick geben?

Dr. Marcus Nadenau: Das Gebäude der Zukunft ist sicher, effizient und emissionsarm, lässt sich mit wenig Aufwand betreiben und bietet den Nutzern Komfort. Die Basis dafür ist die intelligente Verknüpfung von Gebäudetechnik, Anlagen, Software und Sensoren, die in Echtzeit Daten aus dem ganzen Gebäude miteinander austauschen können.

 

Welche Leistungen bieten Sie hierfür als Systemintegrator?

Marcus Nadenau: Wir sind Komplettanbieter für vernetzte Lösungen in den Bereichen Gebäudesicherheit, Gebäudeautomation und Energieeffizienz. Neben der technischen Expertise bei Beratung, Planung und Installation sorgt unser erfahrenes Team von rund 5 000 Mitarbeitenden auch für den reibungslosen Betrieb.

 

Sie haben 2019 den Automationsspezialisten GFR – die jetzige Bosch Building Automation GmbH - übernommen, Anfang 2022 ist mit der Hörburger AG ein weiteres Unternehmen aus diesem Bereich hinzugekommen. Welche Bedeutung haben diese Zukäufe?

Marcus Nadenau: Wir haben einen klaren Wachstumskurs und stärken mit diesen strategischen Zukäufen unser Portfolio. Wir wollen auch zukünftig die erste Wahl sein, um Gebäude mit Technologien und Dienstleistungen sicherer, komfortabler und effizienter zu machen. Die Bosch Building Automation GmbH und auch die Hörburger AG haben jeweils beide über 40 Jahre Erfahrung in der Errichtung komplexer Automationslösungen. Mich freut vor allem auch, dass wir gemeinsam an einem Zukunftsthema arbeiten, mit dem sich viele Fachkräfte identifizieren können. Sie erleben bei ihrer Arbeit mit modernsten Technologien, Lösungen und Services, dass ihr Tun für mehr Nachhaltigkeit sorgt.

Außenansicht Gebäude der Hörburger AG
Starker Wachstumskurs: Nach der Übernahme der GFR (jetzt Bosch Building Automation) im Jahr 2019 hat Bosch Anfang 2022 den Kauf der Hörburger AG als weiteren Gebäudeautomations-Spezialisten bekannt gegeben. | Fotorechte: © Hörburger

Wie das Gebäude der Zukunft funktioniert, haben Sie bereits skizziert. Was ist dabei der wesentliche Treiber für eine Gesamtlösung? Ein wirtschaftlicher Gebäudebetrieb?

Marcus Nadenau: Definitiv sind ökonomischen Gesichtspunkte für Eigentümer und Betreiber wichtig. Aber auch der Aspekt Klimaschutz gewinnt immer stärker an Bedeutung. Ebenso dürfen wir die steigenden Bedürfnisse nach Sicherheit, Komfort, sowie die Themen Gesundheit und Wohlbefinden in Gebäuden nicht außer Acht lassen. Gleichzeitig hat die digitale Transformation einen erheblichen Einfluss auf unsere Kunden und natürlich ebenfalls auf unsere Branche.

 

Bosch Energy and Building Solutions zählt zu den führenden Anbietern für vernetzte Gebäudelösungen. Welchen Beitrag leisten Sie dabei mit der GFR, Herr Westerheide?

Volker Westerheide: Die Gebäudeautomation ist das wesentliche Schlüsselgewerk für den effizienten und nachhaltigen Betrieb von Gebäuden. Gemeinsam bieten wir unseren Kunden integrierte Gesamtlösungen und neue digitale Services, die den Anforderungen an die Gebäude der Zukunft gerecht werden. Die Gebäudetechnik war bisher eine von Hardware geprägte Systemwelt. Das ändert sich gerade. Wir bewegen uns in eine vielseitig einsetzbare System- und Sensorumgebung. Hierdurch entstehen neue Möglichkeiten, die Gebäude optimal auszusteuern und Prozesse im Betrieb zu vereinfachen.

 

Und um hiermit auch den Herausforderungen bei dem Thema Klimaschutz zu begegnen?

Marcus Nadenau: Gebäude müssen intelligenter werden, um weniger CO2 zu emittieren. Wir haben einen starken Fokus auf ein Angebot an intelligenten vernetzten Gebäudelösungen gelegt und bieten zukünftig verstärkt neue Geschäftsmodelle wie digitale Services, mit denen wir auch diesem Thema Rechnung tragen. Unser Vorteil ist, dass wir beide Welten hervorragend verstehen – die der digitalen Transformation und die der Schlüsselgewerke im Gebäudebereich. Das ermöglicht es uns, neue Mehrwerte für Gebäudeeigentümer, Betreiber und die Nutzer zu schaffen, und eben auch den großen Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen.

Gebäude müssen intelligenter werden, um weniger CO2 zu emittieren

Marcus Nadenau

Wie steigern solche digitalen Services die Nachhaltigkeit? Haben Sie ein Beispiel?

Volker Westerheide: Heute übernimmt die Gebäudeautomation bereits die effiziente Regelung und Steuerung der Anlagen für Heizung, Lüftung und Klima (HLK). Wir nutzen nun Künstliche Intelligenz und Konnektivität, um weitere Einsparungen zu heben. Aktuell pilotieren wir einen digitalen Service, der Analyse, Monitoring und auch konkrete Effizienzverbesserung der HLK-Anlagen bietet. Durch die Nutzung von Ontologien verstehen wir die semantischen Zusammenhänge und gewinnen neue Erkenntnisse. Beispielsweise, ob ein Raum gerade gleichzeitig gekühlt und geheizt wird, um die Temperatur konstant zu halten – was ja nicht sehr effizient ist. In der nächsten Stufe werden konkrete Handlungsempfehlungen ausgeführt.

 

Welche Herausforderungen können Sie durch digitale Services außerdem lösen?

Marcus Nadenau: Die Bedürfnisse sind vielfältig: Ein Facility Manager will die Flächen effizienter managen oder Wartungsprozesse vereinfachen, der Sicherheitsverantwortliche möchte per Klick Zugriff auf Brandmeldesysteme erhalten und Zustände sehen. Der Besucher eines Office-Campus wünscht sich schnell einen freien Parkplatz und den Besprechungsraum zu finden. Um diesen Anforderungen mit passenden Services zu begegnen, binden wir Kunden verschiedener Branchen direkt in die Entwicklung ein.

 

Bei Neubauten können Sie die Innovation einplanen. Wie sieht es bei Modernisierungen aus?

Volker Westerheide: Die Gebäudeautomation ist heute kein „nice to have“ mehr, sondern Voraussetzung für den optimalen Gebäudebetrieb. Mit einer Investition von nur gut 1 bis 2 Prozent der Bausumme hat man einen enormen Hebel für den nachhaltigen, sicheren und zugleich komfortablen Betrieb. Auch für die intelligente Modernisierung ist die Gebäudeautomation ein guter Ausgangspunkt.

Marcus Nadenau: Gebäude mit hohem digitalen Technisierungsgrad werden zukünftig deutliche Vorteile haben. Durch unsere Expertise können wir auch Bestandsgebäude zu modernen Smart Buildings wandeln: Wir rüsten die existierenden Strukturen nach, verbinden sie mit IoT-Lösungen, sorgen für einheitliche Standards und dafür, dass die Rohdaten in einen Benefit für den Kunden übersetzt werden.

Bedienpanel Raumautomation vor Besprechungsraum
Kein „nice to have“ sondern Voraussetzung für den optimalen Betrieb: eine moderne Gebäude- und Raumautomation

Haben diese neuen Möglichkeiten auch bei der weltweiten Klimaneutralstellung der Bosch-Gruppe in im Jahr 2020 eine Rolle gespielt?

Marcus Nadenau: Auch hier konnten wir mit einem digitalen Service einen wichtigen Beitrag in über 120 Werken und Standorten leisten. Dieser wurde speziell für die Bedürfnisse industrieller Unternehmen entwickelt. Energieverbräuche werden bis in die Produktion transparent dargestellt und analysiert, durch die Nutzung intelligenter Algorithmen können Energieverbräuche vorhergesehen werden. Hierdurch werden unter anderem Spitzenlasten verhindert.

 

Stellt Bosch diese Erfahrungen auch Kunden zur Verfügung?

Marcus Nadenau: Bosch hat vor dem Hintergrund der eigenen Aktivitäten eine unabhängige Beratungsgesellschaft, die Bosch Climate Solutions GmbH, gegründet. Die Experten geben die Erfahrungen weiter und helfen Unternehmen auf ihrem Weg der Klimaneutralstellung.

 

Im Bereich Bundesbauten und Gebäude der öffentlichen Hand, aber auch im kommerziellen Bereich gibt es viel Nachholbedarf bei der Umsetzung der Klimaziele. Was können Sie hier bieten?

Volker Westerheide: Wir sind in der Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen ein sehr erfahrener Partner. Beispielsweise begleiten wir die Universität Paderborn seit über 20 Jahren mit moderner Gebäudetechnik. Hier ist unser Ziel die Nachhaltigkeit und die Effizienz der Gebäude auf dem gesamten Campus zu erhöhen. Ein Beispiel aus dem kommerziellen Bereich ist das Office One in Stuttgart, ein modernes Bürogebäude. Hier sorgen wir mit der Gebäudeautomation unter anderem für maximale Energieeffizienz bei hohem Komfort.

 

Was wird in Zukunft auf dem Markt für Gebäudetechnologien immer wichtiger?

Marcus Nadenau: Um die Anforderungen der Kunden und Projekte optimal bedienen zu können, ist es uns wichtig auf vielen Ebenen offen zu sein – nicht nur auf Ebene der Systeme, sondern auch gegenüber neuen Technologien, der Zusammenarbeit mit interessanten Marktpartnern und für neue Geschäftsmodelle, die mit der Digitalisierung möglich werden. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit meinem Team diesen spannenden und dynamischen Markt mit zu gestalten.